Der Morgen danach…
beginnt mit Spiegelei und Tomatensauce vom Vortag. Nach 12 Stunden tiefen und ruhigen Schlafes sitzen wir, Smart, Ula und ich auf der Treppe des Mikelisis.
Was ist geblieben? Schwarze Vierecke im Waldboden, wo gestern noch die hohen Feuerstellen der Fähnliküchen standen. Mückenstiche. Haufenweise unsortierte Quittungen. Essenreste (genug für die ganze nächste Woche). Ein leerer Strand. Ein paar Blachen am Zaun, die an der Sonne trocknen. Tausende Fotos & sieben Stunden Filmmaterial. Schlafmangel. Veränderte persönliche Bindungen, bedingt durch zwei Wochen engen Zusammenlebens. Ein bepackter Anhänger. Das berüchtigte Lagerloch…
Intensive Vorbereitung während zwei Jahren hat das Lela gekostet, unzählige Diskussionen und Gedanken über mögliche Probleme, Schwierigkeiten und deren Lösungen, Ideen, die gleich wieder verworfen wurden und Ideen, die schliesslich umgesetzt wurden. Würde man den zeitlichen Aufwand eines jeden Beteiligten an der Vorbereitungsphase addieren, so würde die Zeit wahrscheinlich reichen, um eine originalgetreue Nachbildung des Eiffelturm aus Legosteinen zu errichten. Dann plötzlich schreibt die Geschichte den 2. Juli. Freitagabend: Fäger, Sushi, Donola, Assuan und ich breschen los, mit einem Husky und einem Anhänger voller Pioniermaterial, Vorfreude und Unsicherheiten. Zu dritt rotieren wir ums Steuerrad, jeder kriegt in Deutschland seine Stunde Stau. Samstagabend: „Wäletti zämä, sitr guet greist bis iz?“, alle Pfädis, Leiter und Hintergründler befinden sich auf der MS Urd, wohlbehalten und mit sämtlichem Gepäck. Spannung und Aufregung steht in die Gesichter geschrieben, schon setzt sich die schwerfällige Fähre in Bewegung, Richtung Latvija, Ventspils, Mikeltornis. Essen (wir kommen jeweils als Erste an die Reihe), Sonnenbrände auf Deck, Werwölfle (die Pfädis haben das Spiel mittlerweile perfektioniert und spielen ohne Karten), grinsende Bodyguards, schon wieder Essen, Sonntagabend. Da warten schon Andis und seine Freundin mit einem Klapperbus Baujahr Sintflut, Mikeltornis, Mücken, Bodennebel, Zeltaufbau in der kurzen Zeit finsterer Nacht. Die erste Nacht verläuft wegen besonderen Geschehnissen nicht nach Plan, der Morgen danach ist ebenfalls von den Geschehnissen geprägt. Bald schon stehen aber die Fänhliküchen und der Fahnenmast, Reis und Fleischkäse am Dienstagmittag werden auf hohen Feuerstellen gekocht. Leiterteam + Hintergrund: Diese Konstellation ist neu, das erste Mal, dass das Leiterteam in einem Lager den Karren nicht alleine vorwärtszieht, gleichzeitig das erste Mal, dass in einem Leiterteam kein Leiter mit Lagererfahrung mitmischt. Für die Erfahrung ist im Lela nun der Hintergrund da. Klar, dass sich so Anfangsschwierigkeiten ergeben, dass die schlichte Gewissheit „Hei, mir si z‘Lettland und s‘isch huere nice“ durch viel Gelaber überdeckt wird.
In einem Lager steht eine Riesenmenge Arbeit an, der rote Faden, die Lagerbauten, der Einkauf & Essen bereitstellen, Detailprogramm in Bezug auf das Zeitbudget einalten, herausspüren, ob die Pfädis zufrieden sind, den nächsten Tag durchdenken, kleine Wunden pflegen, für Ausgleich zur Arbeit sorgen, und schliesslich wäre es auch noch schön den Feierabend zu geniessen (geht aber meist für den Tagesrückblick drauf) und die anderen Leiter und besonders im Lela die Mitglieder des Hintergrunds als interessante Personen und nicht nur als Funktion kennenzulernen und wahrzunehmen.
Schon bald sind die Rollen einigermassen gefunden, auch wenn die Verhältnisse bis zum Ende des Lelas schwierig bleiben.
Zurück auf den (Sand)Boden. Den Pfädis erscheinen erstmals die elegant gekleideten Götter Freija, Tors, Lokijs und Odins, die ihnen den Weg vom Wikinger in Midgard bis hin zur Gottheit in Asgard schmackhaft machen, bei Feuerschein und Meeresrauschen. Die livische Küste fasziniert die Pfädis, am liebsten würden sie wohl den ganzen Tag am Strand verbringen…Ausflug im Klapperbus nach Kolka, Schotterpiste (brachte eine Lampenverschalung zu Fall), Erinnerungen an Strandräuber, Mörderlis, Elchle, zurück in Mikeltornis Lagerfeuer und Sing Song am Strand, die 4. Stufe ist auch da. Die Pfädis lernen nun ihre Vorgänger kennen, die vor 10 Jahren auch bei einmaligen Pfiff zum Fahnenmast stürmten und Liegestützen machten, Mamamutschi riefen und auch heute noch ins Pfadileben verliebt sind…ich glaube, die Pfädis schätzten dies sehr. Exer am Donnerstag, grosse und kleine Kunstwerke entstehen, exzellente Menues werden gekocht und Möbel werden gezimmert. Freitag, Hajk – Tag. Vennerhöck, „uf das und das und das und das und das und das müesst dir luege, uf das und das und das ufpasse, viu trinke, vor dr Sunne schütze, blablabla“, endlich geht es los und die Pfädis sind alleine unterwegs. Die genauen Eregnisse entziehen sich unserer Kenntnis…
Ausser der nächste Morgen, als das Kroki nicht stimmt und der Weg plötzlich der falsche ist. Verbindung per Telefon, die Pfädis auf dem falschen Weg, der Klapperbus mit den Leitern auf der Schotterpiste, alle bleiben auf bemerkenswerte Art ruhig und so finden sich nach dreieinhalb Stunden die Wege in Sikrags (übrigens das ursprüngliche Ziel des Hajks, bevor es vom Leiterteam als zu weit befunden wurde). Waschtag und Abenteuerwasserrutschbahnen in Ventspils, Versprechen und BiPi – Feuer am Abend, und einmal mehr weht der Hauch der (Pfadi)Geschichte über die Dünen…diese Momente, in denen mir bewusst wird, Teil eines Gedankens zu sein, der seit über 100 Jahren existiert und den über 25 Millionen Menschen auf dieser Welt teilen, finde ich etwas vom Grössten.
Der Schauplatz der Geschichte hat geändert, wir befinden uns nun in Asgard, die Völkerwanderung (der Hajk) hat die Wikinger nun hierher geführt und sie schliesslich zu Göttern gemacht. Der zweite Sonntag bricht an, und er hält was Sonntage versprechen. Die Sonne scheint gnädig vom Himmel über Asgard herab und faultiergleich hängen alle an Bäumen herum (stimmt nicht ganz, bemerkt der aufmerksame Leser, am Strand natürlich). Auch Götter haben einmal eine Pause verdient. Besonders, wenn Kunde vom Ragnarök, der letzten Schlacht gegen die Kreaturen aus Rokgard durchs Land weht. Doch bald darauf beginnen fieberhaft die Vorbereitungen, Lanzenspitzen werden gegossen, Jutensäcke zurechtgeschnitten und Helme gekleistert. Selbst Götter können sich nicht nur auf ihre göttlichen Kräfte verlassen. Daraufhin die letzte Ruhe vor dem Sturm, Sonnenaufgang, Orangensaftbar am Strand, Besuch von Stätten der Vorfahren (Satellitenschüssel)…und schon bricht der grosse Tag an. Mit dem Ragnarök kommt die Möglichkeit, auf geregelte Art und Weise, bei Wasserschlacht und Nümmerligame, die Kampfsau herauszulassen und Spannungen abzubauen. Pfädis und 4. Stüfeler, die sich in die guten alten Zeiten zurückkatapultiert fühlen, geben alles.
Der Abend bringt Sieg der Götter und Versöhnung. Bei der Musik des jungen livischen Nurm Orkestrs tanzen alle gemeinsam, singen das Abteilungslied und frönen einer Götterspeise, zubereitet mit den berühmt – berüchtigten Biscuits der Schweizer Armee. Es war wunderschön…
Regentropfen fallen, und die alten Hasen merken, dass es um den Abbau des Lagers geht. So war es bisher noch immer gewesen, Regen in letzter Minute (man erinnere sich beispielsweise an Gerra Verzasca). Mit der letzen Minute auch das letzte Mal Strand, das letzte Mal Ostsee, das letzte Mal Lela…und nun sitzen wir hier alleine vor dem Mikelisi.
Die Pfädis, Leiter und Hintergründler sitzen in diesem Moment wohl auch, auf Bullmannsitzen, in der Sonne auf Deck, geniessen das süsse Nichtstun und fiebern dem eigenen Bett, der Dusche, fernen Inseln, den Eltern, dem Brot ohne Kümmel und dem WC mit Spülung entgegen.
Was wird kommen? Ein Elternabend am 1. September (sofort notieren!), um auch euch Eltern noch einmal an unserem Abenteuer teilhaben zu lassen. Ein Fotobuch mit den Besten der tausend Fotos, ein Film mit den Besten der sieben Stunden Filmszenen. Ein Dasein ohne Mückenstiche. Erinnerungen, Nostalgie…das Lela, das Liegen im warmen Sand, das Kochen auf dem Feuer, das Kämpfen für den Fähnliwettbewerb, das Singen am Lagerfeuer, das Baden in der nahezu salzlosen Ostsee, das Abtrocknen mit der Hose vom Tag, die Sonnenuntergänge, all dies ist nun vorbei.
Neue Erlebnisse kommen, die das Lagerloch mehr und mehr zuschütten werden. Momentan befinde ich mich noch mittendrin, in der Dunkelheit des Lochs. Eine Dunkelheit, die aber auch Lichtblicke aufweist. Lichtblicke wie die Zufriedenheit darüber, dass mit einer Ausnahme niemandem etwas Ernstes zugestossen ist und alle gesund nach Hause zurückkehren. Die Gewissheit, dass die tapferen Wikinger zwei wunderschöne Wochen verbracht haben, geprägt von gegenseitigem Respekt, Verbundenheit mit der Natur, Hilfsbereitschaft, Durchhaltewillen (beispielsweise beim Verlaufen auf dem Hajk), Kreativität (beispielsweise die riesige Sandburgenstadt), geprägt also vom Pfadigedanken. Das grösste aller Lichter, quasi der Polarstern des Lagerlochs (jetzt wirds definitv kitschig =)) ist die Dankbarkeit. Gegenüber euch Eltern für das Vertrauen, ohne welches das Lela nie hätte stattfinden können, gegenüber Fäger für ihre Gastfreundschaft und weitergegebenen Erfahrungen, gegenüber Milou, Arojo, Schtrunz und Squirl für den guten Leiterjob unter besonderen diesen Umständen, gegenüber Donola, Pipistrella, Assuan, Sushi und Smart für die Unterstützung in Wort und Tat, Blogschreiben, Geniessen während dem Lager und während den Vorbereitungen, gegenüber der 4. Stufe, deren Anwesenheit das Lela vervollständigt hat und schliesslich Giacosa, Snoopy, Papillon, Litschi, Pablo, Yuchi, Dingo, Yin, Chruslä, Gismo, Chnopf, Gloin und Rakuun für eure Motivation und eure lachenden Gesichter (auch gegenüber allen weiteren Pfädis, die im Lela leider nicht dabeisein konnten). Ihr seid letztendlich der Grund und die Motivation dafür, einen Anlass wie das Lela zu organisieren und durchzuführen.
Easy left Argon